Digitale Medien im Klassenzimmer

Stundenpläne und klassische Schulfächer haben ausgedient. Bildungsforscher Richard Heinen erwartet, dass Kinder und Jugendliche künftig individueller lernen – mit digitalen Medien statt herkömmlicher Schulbücher 

Herr Heinen, in vielen Schulen werden bereits Smartboards und Tablets eingesetzt. Haben Tafeln und Schulbücher bald ausgedient?
Ja, und ich glaube, dass auch Smartboards in der Zukunft keine Rolle mehr spielen. Vielmehr werden die Schüler selbst erstellte digitale Inhalte direkt von ihren Tablets über Präsentationsmöglichkeiten wie Apple TV mit ihren Mitschülern teilen. Den Frontalunterricht von heute wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Und das klassische Schulbuch wird digitalen Medien mit interaktiven Inhalten sowie der browserbasierten Cloud weichen – schon weil diese sich unkompliziert aktualisieren und auf unterschiedliche Lernstärken anpassen lassen.

Jeder lernt also im eigenen Tempo?
Genau, der Stoff wird auf die jeweiligen Lernstärken und Bedürfnisse eines Schülers zugeschnitten. Starre Stundenpläne und Fächer gehören der Vergangenheit an, in Schulen wie an Universitäten.

Woraus werden Schüler künftig vorrangig ihr Wissen schöpfen?
Aus digitalen Inhalten, ganz eindeutig. Daher wird es wichtig sein, Schülern beizubringen, wie sie mit diesem Wissen richtig umgehen und wie sie Quellen hinterfragen.

Richard Heinen: Geschäftsführer und Schulentwickler am Learning Lab der Universität Duisburg-Essen
Richard Heinen: Geschäftsführer und Schulentwickler am Learning Lab der Universität Duisburg-Essen

Und die Lehrer werden durch Roboter ersetzt?
(lacht) Nein, auch in der Zukunft geht es darum, sich als Persönlichkeit zu bilden, auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, gemeinsam an Projekten zu arbeiten und Fähigkeiten zu erlernen, die es ermöglichen, im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein. Dafür bedarf es natürlich gut ausgebildeter Pädagogen.

Kein Abgesang auf die Schule per se also?
Nein, die Schule wird aus den genannten Gründen dauerhaft eine wesentliche Rolle spielen. Denn auch in Zukunft brauchen Lernende einen institutionellen Rahmen, also Schulen und Universitäten. Aug’-in-Aug’-Kommunikation lässt sich nicht ersetzen. Das Schulgebäude wird ein gemeinsamer Raum des Lernens bleiben, der allerdings komplett umgestaltet wird. Googeln Sie mal „Ørestad College Copenhagen“! Das ist eine Schule ohne Klassen- und Lehrerzimmer, dafür mit Lernlandschaften. Dort können wir bereits heute einen Blick in die Zukunft werfen. Die einzigen geschlossenen Räume sind an dieser Schule noch die Toiletten und die Säle, in denen etwa mit
Chemikalien hantiert wird.

Wird das Konzept auch bei uns Schule machen?
Ja. Viele Schulen fangen an, diese Ideen aufzugreifen, führen Werkstatttage durch oder richten Lernbüros ein, in denen Schüler in Teams Themen erarbeiten und sich selbst organisieren. Bei der Umsetzung solcher Ideen landen Schulen automatisch bei anders gestalteten Lernräumen.

(Fotos: istockphoto/gpointstudio, Studio 157, Köln)
(Autorin: Eva Tenzer)

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