Hochbegabt – Was tun mit dem „genialen Geiste“?

Inklusion, Integration, Chancengleichheit und Bildungsförderung –alles hochbrisante Aspekte, wenn es um die schulische Entwicklung Heranwachsender geht. Dabei steht meist die Unterstützung benachteiligter Schüler im Fokus – aber auch und gerade leistungsstarke Kinder und Jugendliche gilt es, adäquat zu begleiten und zu schulen. Warum die Begabtenförderung ebenso wichtig ist, erörtert Prof. Dr. Dr. Werner Wiater mit Lehrstuhl für Schulpädagogik der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Augsburg.

Basis für Eigenständigkeit schaffen

Die schulische Bildung dient nicht ausschließlich der bloßen Lehrstoffvermittlung im Unterricht. Nein, sie legt ebenso den Grundstein bei jedem einzelnen Schüler, sich selbstständig Wissen aneignen zu können, seine Stärken und Schwächen zu erkennen und mit diesen entsprechend zu agieren und letztlich seine Potenziale effektiv auszuschöpfen. Dies bedarf der individuellen didaktischen und pädagogischen Widmung sowohl der leistungsschwachen aber ebenso der leistungsstarken Schülern.

1. „Zugeflogenes“ Wissen? Keineswegs!

Denn laut Prof. Wiater sei es ein Mythos, dass sich begabte Heranwachsende leichter tun beim Lernen. Diese gewisse „Leistungsexzellenz“ zu erlangen, sei mit einem weitaus langwierigeren Lernprozess verbunden – auch, um deren Qualität und Ziel zu erfüllen. „Sie müssen effektives Lernen genauso lernen wie alle anderen Schüler“, rezitiert der Professor. So sollten gemeinsam mit den Lehrern Lernziele gesetzt und ein regelmäßiges Feedback gegeben werden.

2. Gehirn arbeitet unterschiedlich

Und da die Gehirne von unterschiedlich begabten Menschen verschieden arbeiten, sei es nötig, die Aufgabenstellungen individuell anzupassen und zu gestalten. So haben Schüler durch ihre unterschiedliche neuronale Aktivierung im Gehirn leichteren oder schwereren Zugang zu bestimmten Übungsanforderungen. Und auf diese gilt es, entsprechend einzugehen.

3. Bore-out in der Schule

Gerade hoch intelligente Schüler erzielen häufig vergleichsweise miese Ergebnisse und haben schlechte Noten. Woher kommt dieses sogenannte Underachievement? Die chronische Unterforderung im Unterricht führt laut Wiater zu Langeweile. Unmotiviertheit und Resignation tun ihr Übriges. Werden begabtere Kinder und Jugendliche hier also nicht „abgeholt“ und mit angepassten Aufgaben sowie entsprechender Unterrichtsgestaltung gefördert und angeregt, dreht sich die Spirale weiter nach unten. „Guter Unterricht ist unter anderem durch ein hohes Ausmaß an Individualisierung gekennzeichnet und kann damit auch einer Entwicklung und Verfestigung von Underachievement vorbeugen“, argumentiert der Schulpädagoge.

4. Potenziale erkennen

Zu den Differenzierungsmaßnahmen im Unterricht zählt für ihn eine an die großen Begabungs- und Leistungsunterschiede angepasste Lernumgebung. Es gilt, die einzelnen Lernpotenziale der Schüler zu erkennen und diese möglichst voll auszuschöpfen. Hierzu muss jeder Schüler zum selbstständigen Lernen erzogen werden. Dann wird er auch die an ihn angepassten Leistungsanforderungen erfüllen können.

5. Leistungsstarke Nation trägt zu Wirtschaftskraft bei

Denn eine leistungsstarke Gesellschaft trägt laut Wiater letztlich auch zur Wirtschaftskraft eines Landes bei. Zwar rühmt sich Deutschland mit dem Titel „Exportweltmeister“. Noch. Betrachtet man die Deutschen im internationalen Vergleich, was die Zahl der Hochbegabten angeht mit dem Potenzial ihrer Leistung, hinken wir ziemlich: mit 1 Prozent Hochbegabter hierzulande, sprich 850 000 Menschen, sind es in China stolze 10 Millionen - in Indien sogar 12 Millionen. Wiaters Bilanz: „Unsere einzige Chance kann nur darin bestehen, unsere hoffnungslose zahlenmäßige Unterlegenheit dadurch zu mindern, dass wir aus jedem einzelnen jungen Menschen das Beste machen, was in ihm oder ihr steckt!“

Anzahl der Hochbegabten in Deutschland, China und Indien im Vergleich
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