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Zimmer frei: Jung und Alt als ideale Wohngemeinschaft

Eine Stunde Hilfe pro Monat für jeden Quadratmeter Wohnraum – so lautet die einfache Faustformel der Initiative „Wohnen gegen Hilfe“. Das Konzept für gemeinsames Wohnen von Jung und Alt gibt es in Deutschland bereits seit rund 20 Jahren. Angesichts steigender Studentenzahlen und Wohnraumknappheit einerseits, einer zunehmenden Zahl von Seniorenhaushalten andererseits, steigt das Interesse in den letzten Jahren deutlich an. In rund 40 Städten zwischen Flensburg und München werden mittlerweile gemischte WGs mit Unterstützung von Seniorenvereinen oder Studentenwerken organisiert.

Junge Frau hilft älterer Dame in der Wohnung beim Bügeln
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WG-Zimmer werden immer teurer

Hintergrund: Viele ältere Menschen haben zu Hause zwar viel Platz, aber oft nur wenig Hilfe im Alltag. So mancher ältere Single vermisst auch einfach nur nette Gesellschaft und anregende Gespräche. Umgekehrt wird bezahlbarer Wohnraum für junge Leute vielerorts zunehmend zur Mangelware. So gibt es in Deutschland aktuell mehr als zehnmal so viele Studierende wie Plätze in Studentenwohnheimen, wie eine Statistik des Deutschen Studentenwerks zeigt. In Großstädten wie Hamburg, Frankfurt, Köln oder Düsseldorf, aber auch an beliebten Hochschulstandorten wie Heidelberg oder Tübingen liegt die durchschnittliche Warmmiete für ein WG-Zimmer inzwischen bei 350 bis 450 Euro. Das zeigt eine Marktanalyse des Vermittlungsportals WG-Suche.de. Spitzenreiter ist München mit stolzen 564 Euro monatlich.

Hier setzt „Wohnen gegen Hilfe“ an: Wem das eigene Zuhause zu leer und zu groß geworden ist, der kann sich über die lokalen Vermittlungsbörsen von Wohnen gegen Hilfe in vielen Städten junge Mitbewohner ins Haus holen. Statt Miete zu zahlen, erbringen die jungen Leute jeden Monat eine bestimmte Anzahl von Stunden Unterstützung im Alltag. Die vereinbarten Gegenleistungen sind dabei so individuell und vielfältig wie die WG-Partner: Das Spektrum reicht von Einkaufen, Haus- und Gartenarbeit, Gassi gehen oder Schneefegen bis hin zu gemeinsamen Spaziergängen, Vorlesen, Spielen oder Hilfe in Computerfragen. Umfang und Art der Leistung regelt der Mietvertrag, ebenso die Höhe der Nebenkosten. 

Verschneiter Bürgersteig mit Besen: Für viele Senioren ist Schneefegen im Winter ein Problem.Kristof Balke
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Beide Seiten profitieren

„Man ist eingebunden. Das hält flexibel und vital“, sagt eine Kölner Hauseigentümerin, die mit 60 Jahren so eine altersgemischte WG gegründet hat, der Stiftung Warentest. Als ihr Sohn auszog, holte sie sich zwei junge Studenten in ihr schönes, großes Haus mit Garten. Die freuen sich nicht nur über die preiswerte Unterkunft, keine 20 Minuten mit dem Rad von der Uni entfernt, sondern auch über die Haustiere und den Austausch mit ihrer lebenserfahrenen Hausherrin. Auch das gute Gefühl, einen jungen Menschen aus dem Ausland bei seiner Ausbildung begleiten und unterstützen zu können, motiviert viele Wohnraumgeber. Ihre drei ersten „Pflegesöhne“ hätten ihre Studiengänge erfolgreich abgeschlossen und sich beruflich weitgehend etabliert, erzählt ein Münchner Rentnerpaar, das bereits seit 17 Jahren über „Wohnen gegen Hilfe“ ein Zimmer mit Familienanschluss anbietet.
Mit ihren ehemaligen Mitbewohnern aus aller Welt haben sie noch guten Kontakt, seit November 2015 gehört ein Student aus Georgien zur Wahlverwandtschaft. Den Anstoß, sich einen jungen Untermieter zu suchen, gab damals ein Schlaganfall des Rentners, der seitdem nicht mehr so mobil wie früher ist.

Junge Frau mit Stift und ältere Dame mit Brille sitzen gemeinsam auf dem Sofa und lesen zusammen in einer Zeitschrift
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Die Chemie muss stimmen

Wer Wohnraum anzubieten hat und offen für neue Kontakte ist, findet auf der Website der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnen für Hilfe eine Liste mit Vermittlungsstellen. Dort werden Sie bei Bedarf in allen Fragen kostenlos beraten. Alternativ können Sie sich an das örtliche Studentenwerk wenden. Ob es mit dem gemeinsamen Wohnen klappt, ist allerdings weniger eine Frage des richtigen Vertrags als vielmehr der richtigen Einstellung. Gegenseitige Sympathie, Toleranz und die Bereitschaft zu reden, sind nach Erfahrung von Sandra Wiegeler, Projektleiterin von "Wohnen für Hilfe" in Köln, die Basis für eine funktionierende Wohnpartnerschaft: „Genau wie in einer WG unter Gleichaltrigen".